Dienstag, 5. November 2013

Schneeberg

           – Wie die NPD meine Heimat braun einfärbt– 

Wenn Menschen mit Lichtern durch die Schneeberger Straßen ziehen, dann ist im Normalfall Weihnachtszeit. Das Schneeberger Lichtelfest ist eine beliebte Tradition in der erzgebirgischen Bergarbeiterstadt und jedes Jahr aufs Neue eine Ereignis, das einen idyllisch-weihnachtlichen Glanz auf das gesamte Erzgebirge legt. Doch in diesen Tagen, da ist nichts normal in Schneeberg. In diesen Tagen, da ziehen Tausende durch die Straßen und demonstrieren bei einem Fackelzug gegen die Asylbewerber am Stadtrand. In diesen Tagen, da färbt sich meine Heimat braun.

Eine Bürgerinitiative ist es, das betont Stefan Hartung immer wieder. Es ist keine politische Aktion, sondern es sind die besorgten Bürger, die auf die Straße gehen. Stefan Hartung, so sagt er, ist einer von ihnen und deshalb hat er diese ganze Aktion privat organisiert. Stefan Hartung, das ist der Vorsitzende des hiesigen Kreisverbandes der NPD. Und eben dieser Stefan Hartung und eben diese NPD sind es, die zum „Lichtllauf“ in Schneeberg riefen und die sich am Ende über etwa 2.000 Teilnehmer freuten. Nach Aussagen der Organisatoren waren diese etwa 2.000 Menschen allesamt besorgte Anwohner, wobei hier eben nicht nur Schneeberger, sondern auch Menschen aus den angrenzenden Dörfern zählen, wie zum Beispiel Zschorlau, aus dem ich komme. Die Aussagen der Polizei klingen allerdings anders: Die meisten Teilnehmer waren angereist, kommen also nicht aus unmittelbarer Umgebung. Aus ganz Ostdeutschland kamen die „besorgten Schneeberger“ um gegen Asylbewerber aufzumarschieren. Es wäre aber falsch zu sagen, dieser „Lichellauf“ wäre eine reine Neonazi-Aktion gewesen. Es waren wirklich „besorgte“ Bürger dabei. Diese Bürger sind es dann auch, die ja eigentlich gegen die NPD sind. „Ich mag die Nazis ja eigentlich nicht“ sagt ein Mann, während er hinter den Nazis hinterherläuft, die gerade „Wir sind das Volk“ skandieren. Vielleicht sagt dieser Mann da sogar die Wahrheit. Wieso aber läuft er, wieso aber laufen dann so viele Erzgebirgler mit? Weil es ja eine Bürgerinitiative ist und auch, weil diese Asylbewerber ja so schlimme Dinge machen. Man erzählt sich, sich würden in den Läden klauen, sie würden Mädchen sexuell belästigen, sie würden in die Vorgärten der Leute pinkeln und mit Drogen handeln. Wie gesagt, ich komme aus Zschorlau, das gleich neben Schneeberg liegt. In unseren Vorgarten hat noch keiner gepinkelt, Einbrüche gab es auch noch keine und Drogen wollte mir auch noch kein Asylbewerber verkaufen. Sexuelle Belästigungen haben hier ebenso wenig stattgefunden. Woher kommen dann also all diese Geschichten? Ursprung finden die meisten im Internet auf der Facebook-Seite „Schneeberg wehrt sich!“. Die wildesten Gerüchte sind dort zu lesen. Wie viel Geld die Asylbewerber „in den Arsch gesteckt“ bekommen und dass sie die Sicherheit der Region gefährden. Und, wenig überraschend, gibt es dort auch Statements von Stefan Hartung zu lesen. Diese Seite hat über 3.500 Likes, was die NPD immer wieder als Beweis dafür anbringt, dass es sich wirklich zahlreiche besorgte Bürger und eben nicht um eine reine NPD-Veranstaltung handelt. Fakt ist aber, dass viele dieser Likes eben nicht von Schneebergern kommen sondern von NPD-Anhängern aus ganz Deutschland. Die Gruppe „Schneeberg für Menschlichkeit“ ist quasi die Gegenstimme zu „Schneeberg wehrt sich!“ und hat auch über 2.500 Likes – ganz ohne Neonazis. Dennoch, die NPD versucht so gut es geht zu vertuschen, dass es sich bei der ganzen Aktion um einen parteiorganisierten Protest handelt – und das nicht nur in Schneeberg. So war bei einer der Protestaktion gegen ein Asylbewerberheim in Bestensee (Brandenburg) ein Plakat zu sehen, das eindeutig von der NPD war. Das Logo der Partei wurde aber einfach überklebt, damit ja keiner glaubt, dort marschierten Nazis. Die Täuschung ist mitunter so gelungen, dass selbst die Medien darauf reinfallen. So hat der MDR in seinem Bericht zum Protestmarsch in Schneeberg eine Frau als besorgte Bürgerin vorgestellt, die über Drogen, Belästigung und Diebstahl sprach. Diese „besorgte Bürgerin“ heißt Gitta Schüßler und ist Mitglied des Sächsischen Landtages für die NPD. Kein Wunder also, dass einige Erzgebirgler der Scharade Glauben schenken und deshalb mit auf die Straße gehen. Wenn die NPD eines nicht ist, dann dumm. So verkehrt und falsch ihr Weltbild auch sein mag, sie hat es geschafft in Schneeberg einen Protest zu organisieren, der so aussieht, als wäre es ein Protest der Schneeberger. Dabei ist es einer der NPD und einiger blinder Menschen, die sich viel zu leicht beeinflussen lassen. Die, die dort Mitlaufen und keine Nazis sind, die sind entweder auf die braune Scharade reingefallen, oder sie haben schon immer rechte Tendenzen gehabt, die sie jetzt „endlich“ ausleben können. Und in einer Region mit einem Ausländeranteil von weniger als einem Prozent, da treten solche Tendenzen leider häufiger auf als in Großstädten. Das darf aber keine Entschuldigung sein, für das, was da gerade in Schneeberg geschieht. Nazis aus halb Deutschland treffen sich, getarnt als Bürgerinitiative, und versuchen so viele Leichtgläubige wie möglich dabei mit einzuspannen. Die Eingespannten, das sind aber keine „besorgten Bürger“. Das sind Menschen die nicht Nachdenken, die schon immer braunes Gedankengut geteilt haben müssen. Besorgte Schneeberger gibt es aber dennoch, sie sind aber nicht wegen einer gestiegenen Kriminalität besorgt, die es im Übrigen laut der Polizei gar nicht gibt. Sie sind besorgt, weil die NPD hier eine ausländerfeindliche Hetze betreibt, die so glaubhaft wirkt, dass man fast schon Angst haben muss. Ich selbst habe auch Angst. Aber nicht vor den Asylbewerbern, sondern vielmehr vor dem braunen Mob, der mit Fackeln durch Schneeberg zieht und gegen „Asylmissbrauch“ demonstriert. Wie ignorant können Menschen gegenüber der eigenen Vergangenheit sein? Wie gefühlslos können sie das enorme Leid anderer einfach ignorieren? Wie blind können sie Leuten wie Stefan Hartung einfach hinterherlaufen? Ich will nicht, dass sich meine Heimat braun färbt. Ich will, dass ein jeder Mensch hier willkommen ist. Dafür müssen nicht nur die Bürger handeln – auch die Politik und die Medien müssen solche Bilder wie sie in Schneeberg derzeit entstehen zukünftig verhindern! Dazu braucht es auch ein Verbot der NPD, die am Ende hinter all dem braunen Mist in Schneeberg steckt.

3 Kommentare:

  1. Deine Heimat tut mir leid. :( Es ist immer wieder unfassbar was die NPD da treibt und löst bei mir nun nur noch Verzweiflung aus. Wie damit umgehen? Verbieten? Gegengewalt? Ignorieren? Ein Verbot lässt nur an anderer Stelle die Naziwurzeln wieder aktiv werden, dort werden sie dann wieder fleißig gegossen und ein neuer rechtsradikaler Spross entsteht. Momentan nennt sie sich "NPD", aber auch ohne Partei gibt es x Gruppierungen, die wie Unkraut auf unserem Boden entstehen und immer noch Parallelen zu unserer Geschichte herstellen und die alte Zeit einfach nicht ruhen lassen.

    In der Tat wird es immer Mentalitätskonflikte zwischen den Eigenheiten bestimmter Länder-Bewohner geben - die einen mögen die Franzosen und Finnen mehr, die anderen können auch mit der rauen Mentalität der Russen oder Nahosteuropäer gut umgehen.
    Leider Gottes muss man sich auch eingestehen, dass einige Vorurteile / Klischees auch immer wieder in 80% der Fälle zutreffen. Aus Selbstschutz hat man ganz automatisch eine grundlegend negative Erwartungshaltung, Angst eventuell usw. - aber was die NPD da macht, geht eindeutig über das rationale, normale Verständnis hinaus. Wir dürfen uns auch als Land sowohl beherzigend als auch selbstschützerisch gegenüber bestimmten Menschen halten - das Yin und Yang gehört dazu, sonst würden wir einfach alles aufgrund unserer Vergangenheit willkommen heißen. Ich mein: Deutschland und Nazis ist ein starkes Geschichtsproblem - diesen Stempel haben andere Länder nicht - und verhalten sich auch neutral.
    Aber was uns hier gegenüber den rassistischen Menschen unterscheidet: Das Herz. Jedem sollte man eine Chance geben und sie nicht gleich zu Beginn nehmen. Alle über einen Kamm zu scheren fördert nicht nur weiter den Hass, sondern grenzt auch die eigene Entfaltung gehörig ein. Rechte Musik war noch nie tiefsinnig und interessant aufgebaut - schon allein an der Stimme hört man den IQ-Wert heraus... Nur wie soll man mit diesen Menschen umgehen?
    Ich glaube, und das ist das schwierigste, Verständnis und dem Beibringen von "Liebe" ist hier eine Lösung. Gewalt in jeglicher Form erzeugt nur Gegengewalt, aber das ist leichter als sich um diese ziemlich verkarrte Gruppierung zu kümmern und den Horizont für sie selbst zu erweitern.

    Und so wird leider auch 70 Jahre nach dem Holocaust das Feuer weiter geschürt und nur büschelweise Unkraut vernichtet - die Wurzel wird aber nie behandelt. Wann wird das nur aufhören? Ich weiß es nicht... und sehe - zumindest in meinem Leben - keinen Sinn mehr darin mich als Einzelner darum zu kümmern. Die rechte Szene ist nicht meine Baustelle - sondern die von Vereinen, Organisationen, engen Vertrauen der rechten.
    Es kann doch nicht sein, dass ein jeder von denen angesteckt wird...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ein Verbotsverfahren der NPD ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite zerstört es eben nicht die Ideologie und lässt die Nazis sich nur an andere Stelle neu organisieren. Auf der anderen Seite aber verschwindet eine sehr bekannte Anlaufstelle für junge Leute und eine möglichkeit, legal in Deutschland Werbung für die Rechte Szene zu machen.

      Du hast auch Recht, wenn du sagst, dass man als einzelner nichts dagegen tun kann. Aber wenn man einmal sieht, wie quasi vor der eigenen Haustür ein rechter Fackelzug vorbeimarschiert, dann will man das auch nicht mehr stumm hinnehmen. Deshalb habe ich eben den Text da oben geschrieben - ich hab das nicht mehr schweigend ausgehalten. Tatsächlich organisiert sich der Widerstand gegen die asylfeindlichen Demos der NPD auch immer besser und beginnt sich nun auch zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen. Dennoch - eine Ideologie lässt sich nie vernichten. Nicht durch Verbotsverfahren und auch nicht durch Aufklärung. Mann kann aber daran arbeiten, dass diese menschenverachtende Haltung wenigstens so klein wie möglich gehalten wird.

      Da du auch über Vorurteile geschrieben hast, die oftmals bestätigt werden: Im Falle von Schneeberg verbreitet die NPD nicht einfach nur Gerüchte. Sie denken sich konkrete Geschichten aus und verbreiten diese unter den Leuten. Das sind keine Vorurteile, das sind Lügen. Und echte Vorurteile gehören meiner Meinung nach auch nicht in eine solche Debatte. Man kann und darf ganze Völker nicht über einen Kamm scheren. Es heißt ja zum Beispiel immer, wir Deutschen wären immer extrem pünktlich, aber ich habe oft genug erlebt, dass das nicht immer stimmt. Und so ist es auch bei den Vorurteilen gegenüber den Asylbewerbern. Natürlich darf man deshalb auch nicht einfach jeden in unser Land lassen und hoffen, dass er nicht böses vor hat. Wo das endet hat man bei der Hamburger Zelle gesehen, die am Ende 9/11 geplant hat. Dafür aber gibt es ja eben das Asylverfahren und auch darüber hinaus durchaus Kontrollen.

      Und sicher wird nicht jeder von uns angesteckt. Die, die braunes Gedankengut teilen, die haben zumeinst nicht viel in der Birne oder kommen aus den unteren Sozialschichten. Wer aber seinen Kopf nur ein klein wenig anstengt, der fällt auf den Mist der NPD sicher nicht rein.

      Löschen
  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

    AntwortenLöschen